Start :: Informationen :: Zu früh für den Schlussstrich
Interview mit
Dr. Alexej Nesterenko,
Direktor Institut für Strahlenschutz BELRAD.
Dr. Nesterenko, vor vierzig Jahren ereignete sich die Katastrophe von Tschernobyl. Belarus war das Land, das am stärksten von der freigesetzten Radioaktivität betroffen war. Wie ist die radioaktive Situation in Belarus heute? Wie sehr hat sie sich im Vergleich zu den ersten Jahren verändert?
Wahrscheinlich haben viele von uns 2016 erleichtert aufgeatmet, als wir hörten, dass die Halbwertszeit von Cäsium erreicht war. Sie beträgt etwas mehr als 30 Jahre. Aber was bedeutet das eigentlich?

Einfach ausgedrückt hat sich die Menge an Cäsium-137 aus Tschernobyl um die Hälfte verringert. Bedeutet dies, dass die Radionuklid-Kontamination ein unbedenkliches Niveau erreicht hat? Die vom BELRAD-Institut gesammelten Daten zeigen, dass es nach wie vor gefährlich ist, Lebensmittel zu verzehren, die in kontaminierten Gebieten gesammelt und produziert wurden.
Reicht es aus weitere dreißig Jahre zu warten, um endlich die leeren Gebiete wieder zu bevölkern und unbesorgt durch die Wälder von Polesye zu spazieren?
Leider lautet die Antwort erneut „nein”. Tatsache ist, dass der radioaktive Zerfall exponentiell und nicht linear verläuft, d. h. in jedem folgenden Dreißigjahreszeitraum zerfällt nur die Hälfte der nach dem vorangegangenen Dreißigjahreszeitraum verbliebenen Menge Cäsium. Es verschwindet also nicht die andere Hälfte, sondern die Hälfte der Hälfte.
Wie viele Menschen sind in Belarus noch betroffen?
Wir können uns im Wesentlichen auf die offiziellen Statistiken beziehen, denen zufolge im April 2024 rund 980.000 Menschen in kontaminierten Gebieten in Belarus lebten, darunter 185.000 Kinder. Nach unseren Schätzungen sind diese Zahlen höher, da in den letzten Jahren viele belastete Siedlungen für „sauber” erklärt wurden und damit viele Menschen aus der Statistik herausgefallen sind.

Wie wirkt sich die vor 40 Jahren freigesetzte Strahlung auf die Gesundheit der Menschen heute aus?
Leider gibt es zu diesbezüglich keine offiziell veröffentlichten Statistiken. Seit 2008 ist es uns und vielen medizinischen Einrichtungen in Belarus verboten, zusammenzuarbeiten, sodass wir uns auf ältere Forschungsergebnisse beziehen müssen. Hunderte unabhängiger Studien belegen jedoch, dass selbst eine geringe Strahlendosis Auswirkungen auf lebenswichtige Organe von Menschen, insbesondere von Kindern, hat. In den belasteten Gebieten gibt es einen auffälligen Anstieg von onkologischen Erkrankungen, von Herzerkrankungen usw.
Ist es möglich die Menschen, die immer noch von der Strahlung betroffen sind, zu schützen? Wie sähe die perfekte Unterstützung aus?
Der beste Weg, Menschen zu schützen, ist die Einhaltung der folgenden Strahlenschutzmaßnahmen:

Ab wann ist die Strahlenbelastung gesundheitsgefährdend?
Werte bis zu 20 Bq pro kg Körpergewicht gelten als unbedenkliches Niveau der Radionuklid-Aktivität im menschlichen Körper. Werte zwischen 20 und 50 Bq/kg für Kinder und zwischen 20 und 70 Bq/kg für Erwachsene stellen ein Kontrollniveau dar, das keine große Gefahr darstellt, aber dennoch Maßnahmen zur Reduzierung und erneuten Kontrolle dringend anrät. Höhere Werte können gesundheitsschädlich sein.
In den belasteten Gebieten, wie hoch ist der Anteil der Menschen, die eine bedenkliche Belastung in sich tragen?
Genau lässt sich das nicht sagen, aber gemäß unserer Untersuchungen und Erfahrungen nach sind es wohl über 50 % der Kinder, die über 20 Bq/kg Cäsiumstrahlen-belastung im Körper haben. Gibt es Möglichkeiten die bereits aufgenommene Strahlenbelastung zu reduzieren? Ja. Pektinpräparate und pektinhaltige Produkte (Äpfel, Aprikosen und generell alle Obst- und Gemüsesorten, die eine gelbe bis rote Farbe haben) sind hierfür am wirksamsten. Äpfel sind besonders bemerkenswert, da sie niemals radioaktives Cäsium anreichern. Unser Institut hat auf Basis von Apfelpektin ein Mittel entwickelt, dass sich Vitapect nennt. Es hilft dabei Cs-137 und Schwermetalle über den Stuhlgang aus dem menschlichen Körper auszuscheiden. Die durchschnittliche Wirksamkeit einer einmonatigen Kur bei einem Kind, das weiterhin die gleichen kontaminierten Lebensmittel zu sich nimmt, beträgt eine Reduzierung der Cs-137-Belastung ca. 20 %.
Was kostet die Kur?
Für ein Kind pro Jahr betragen die Kosten ca. 100,- € für das Präparat und regelmäßige Messungen. Die Messungen sind wichtig, um motiviert zu bleiben das Präparat einzunehmen.
Welche Hilfe bietet das BELRAD-Institut?
Unser Institut führt Messungen von Lebensmitteln (Cs-137 und Sr-90) durch. Wir verfügen über ein Netz von 13 öffentlichen Messstellen in allen kontaminierten Regionen von Belarus. Neun dieser Labore befinden sich in Schulen und fungieren auch als Radiologie-Clubs für Schüler*innen, in denen sie lernen, wie sie sich selber möglichst gut vor der Radioaktivität in Nahrungsmitteln schützen können.
Wir können die Strahlenbelastung von Kindern und Erwachsenen, z.B. in Schulen oder an Arbeitsplätzen, in allen Regionen von Belarus, messen. Unsere Kapazitäten ermöglichen es uns mit unseren mobilen Messgeräten täglich bis zu 300 Personen zu messen. Die Ergebnisse liegen sofort vor.
Unser Institut hat auf Basis von Apfelpektin ein Mittel entwickelt, das sich Vitapect nennt. Es hilft dabei, Cs-137 und Schwermetalle aus dem menschlichen Körper auszuscheiden. Die durchschnittliche Wirksamkeit einer einmonatigen Kur bei einem Kind beträgt rund 20 %. Wir führen zudem wissenschaftliche Studien durch und arbeiten pädagogisch, um die Menschen zu beraten, aufzuklären und ihre Fragen zu beantworten.

Können Sie ein Beispiel dafür geben, wie Ihre Arbeit in einem Dorf aussieht?
Unser Team kommt in die Dorfschule. Es misst, wie viel Cs-137 die Kinder in ihrem Körper haben. Die Ergebnisse werden der Schulverwaltung und der Bezirksregierung vorgelegt, damit den Kindern mit den höchsten Werten im Sanatorien geholfen werden kann. In jedem Fall werden dann auch die Eltern untersucht. Kinder mit hohen Werten erhalten das Präparat Vitapect kostenlos. Nach einem Monat kommt das Team erneut, um eine zweite Messung durchzuführen, um zu sehen, wie erfolgreich die Reduzierung der radioaktiven Belastung im Körper ist.
Die besten Ergebnisse werden im Rahmen eines Gesamtbetreuungsprojekts erzielt. Das bedeutet, dass wir in der Dorfschule eine öffentliche Messstelle haben, in der die Bevölkerung ihre Lebensmittel kostenlos messen und sich beraten lassen kann, in dessen Aktivitäten auch die Schüler*innen einbezogen werden. Wir kommen mehrmals im Jahr, um die Schüler*innen zu messen und Vitapekt zu verteilen. Sehr gut ist es, wenn es die Möglichkeit einer Rehabilitation der Kinder in Sanatorien in Belarus oder im Ausland gibt.
Was kostet der Betrieb einer Strahlenmessstelle pro Monat?
Die Mitarbeiter*innen der Messstellen, zumeist sind dies Lehrer*innen der jeweiligen Schulen, in denen die Messstellen betrieben werden, bekommen für ihre Arbeit ein Gehalt. Die Kosten pro Monat belaufen sich auf 110,- € bis 120,- €. Vereine und Schulen in Deutschland haben für Messstellen Patenschaften übernommen. Daraus haben sich schon weitergehende Partnerschaften entwickelt.
Wie wichtig sind für BELRAD internationale Partner und Unterstützung? Seit 2004 erhält Belrad keine finanzielle Unterstützung mehr von der Regierung. Daher ist Unterstützung aus dem Ausland der einzige Weg, um unsere Arbeit fortzusetzen. Wir sind unseren Unterstützern und Partnern sehr dankbar. Wir können die Situation nicht ändern, wir handeln in kleinen Schritten, aber alle diese kleinen Schritte helfen Menschen in Belarus gesünder zu werden und eine Chance auf ein normales Leben mit weniger Strahlenbelastung zu haben. Je mehr wir uns zusammenschließen, desto mehr können wir erreichen.
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